Schick essen gehen, haben sie sich gedacht, zwei Marktfrauen. Und so sehen sie aus! Velourslederpumps, schwarz mit goldenen Streifen über der Schuhspitze, weiße Fesseln sind zwischen Schuh und Hosenbein zu sehen, schwarze Hose, Hahnentrittblazer, großgemustert, goldweiße gelockte Haarpracht, einen Rucksack neben sich auf der Bank, die eine. Sie sitzt breitbeinig, recht aufrecht, schlank, rosa Lippen. Sie lächelt.
Die andere hat graue, sehr lange Haare locker zu einem Knoten nach hinten gesteckt, hellrot lackierte Fingernägel. Sie ist dicker. Knollnase, Jeans, trägt schwarze AltDamenSandalen mit Kleinlochmuster. Große, eckige Ringe an den Fingern, Perlenkette über dem Blusenkragen. Freundlich. Pausbacken. Graue Weste über einer grauen Bluse mit farbigem Muster, wie es oft auf Herrenkrawatten vorkommt, größer - ein "Ensemble" - sie lächelt ebenfalls, dann schiebt sie sich mit der Hand vom Kinn aus die Backen hoch. Blaue Augen, sehr blau. Eine Warze auf der Stirn unterhalb des Haaransatzes.
Es ist ein lauer Maiabend. In den Vorgärten einer ruhigen, alten Strasse, die früher an der Mauer endete, sitzen Menschen und essen zu Abend. An der Straßenecke, vor einem alten Restaurant sind etliche Tischplätze reserviert. Die Sonne scheint noch, es ist warm. Die Gäste warten geduldig auf ihre besonders knusprigen Hähnchen mit Krautsalat und Brötchen oder Kartoffelsalat. Anderes steht hier nicht auf der Speisekarte. Die Gäste trinken meist Bier aus großen Glaskrügen. Paare oder Kleinfamilien. Zwei Männer, schlank, groß in grauen Anzügen. Ein Paar mit Kleinkind und zwei Freunden. Ein Liebespaar. Ein anderes Paar mit einem etwas jüngeren Kleinkind. Eine Familie mit Verwandtschaft. Noch ein Liebespaar. Ein Fotograf aus Kroatien mit seinen Freunden, der Fotos vom Ambiente macht. Ein Journalist, viel unterwegs, gleich in Köln, gleich in New York. Dazwischen einige auf Gäste wartende Lücken. Die Sonne neigt sich. Zwei Amseln streiten im Baum, hoch oben über den Tischen. Auf dem Boden liegen kleine, weichstachelige, grüne Kastanien. Es wird kühler. Die Gäste warten geduldig. Die Marktfrauen amüsieren sich. Sie sind sichere siebzig Jahre alt. Das Kleinkind plärrt laut "Hallo!" in alle Richtungen wie ein kleiner Star. Es macht ein paar gekonnte Turnübungen. "Die guckt er sich bei anderen ab," sagt der Vater, "wir animieren ihn nicht dazu." - "Er geht in die Musikschule", sagt die Mutter. Das kleinere Kleinkind erspürt sich auf wackligen doch wackeren Beinen den Boden unter den Füssen, der einen Kreis um den Baumstamm bildet. Kleine grüne Äste sind Hindernisse für die kurzen Beinchen. Es ist ein bisschen holprig - das Kind fällt um. So kleine Kinder fallen einfach um, sie fallen nicht hin wie größere Menschen. Es steht wieder auf, etwas verdutzt und läuft zur Mutter. Sie hat nichts gemerkt, auch nichts vom Stolz des Kindes, ein Hindernis, eine ganz kleine Stufe überwunden zu haben. Sie wippt ihren runden, großen und knackigen Arsch auf der Holzbank hin- und her. Sie redet laut zu den drei Männern, hebt das Kind einmal hoch in die Luft und lacht. Dann haben sich die beiden Kinder entdeckt, das plärrende und das forschende. Sie machen sich gemeinsam auf den Weg. HandinHand. Als das erste Hähnchen serviert ist, lösen sie sich. Das kleinere geht an die Tischkante des Hähnchenessers, steht und bettelt. Er reagiert überhaupt nicht und isst mit Genuss ein Stück krosse Haut, blickt geradeaus in die Ferne über den Gartenzaun, leckt sich die Finger ab, tupft mit dem Brötchen das Fett von der Oberlippe oder löst kleine Stücke Hähnchenfleisch von den Knochen. Das Kind bettelt wie ein schlecht erzogener Hund. Der Vater verpasst ein Erziehungsmoment. Die Mutter merkt nichts, sie redet laut, lauter als andere Gäste. Der Hähnchenesser denkt, das geht zu weit, gleich gehe ich zu der Mutter und sage ihr, es wäre gut, wenn sie weniger laut redeten und auf ihr Kind achten würden. "Ich finde, das geht zu weit!" sagt er ernst zu dem Kind.
Die rotlackierten Fingernägel sind abgeblättert. Die blauen Augen wandern von Tisch zu Tisch. Ein schöner Abend.
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